Unbewiesene Fakten aus meiner Heimat
Dienstag, Dezember 6th, 2011In Griechenland bestimmen einige wenige „Herrscherfamilien“, Großverleger, Reeder und Berufspolitiker die politische, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Etwa 300 Menschen treffen seit 1974 alle ökonomischen und politischen Entscheidungen und bereichern sich auf Kosten der Allgemeinheit auf die eine oder andere (zumeist illegale) Art und Weise, wobei sie sich dabei bevorzugt auch an EU-Geldern in Form von Provisionen, Kick-Backs, über Scheinfirmen und sogar durch unverhohlenen Betrug bedienten. Dieses parasitäre Establishment hat sich in den letzten 40 Jahren eine politikhörige und untertänige Staatsanwaltschaft sowie eine korrupte Finanz- und Steuerbehörde herangezüchtet, die jeglichen Ausbruch aus dem bestehenden „System“ unmöglich gemacht hat. Zudem stützt es sich auf eine aus der geduldeten Steuerhinterziehung hervorgegangene „Oberschicht“, bestehend aus Kommunalpolitikern, Rechtsanwälten, Gewerkschaftsbossen, Journalisten, Ärzten, Unternehmern und einem Teil der Bauernschaft.
Dieses in den letzten Dekaden aufgebaute gesellschaftliche System, das durch die beiden sich an der Machtspitze abwechselnden Parteien der PASOK-Sozialisten und ND-Konservative beherrscht wird, ist keine Demokratie im westeuropäischen Sinne, sondern eine ausgeprägte Vollblut-Vetternwirtschaft, in der „freie“ Wahlen zugelassen werden, bei denen ein Großteil der Stimmen bislang gegen Vergünstigungen (rousfeti) jeglicher Art gehandelt wurden, vorzugsweise gegen Verbeamtung eines Teils des Wahlvolks.
Dadurch wurden nicht nur größere Teile der Zivilgesellschaft „korrumpiert“, sondern auch „mitschuldig“ am Verfall der Werte und des sozialen Gefüges gemacht. Im Laufe der letzten vierzig Jahre änderte sich dadurch das soziale Verantwortungsgefühl vieler Griechen in Richtung eines grenzenlosen Egoismus, der von der herrschenden Kaste geschürt und als oberstes Prinzip der neuen griechischen Gesellschaft erhoben wurde. Davon zeugen als Spitze des Eisbergs der Siemens- und der Ferrostal-Skandal, das Vathopedi-Desaster, die dubiosen Waffengeschäfte griechischer Politiker und Hunderte nicht verfolgter und nicht aufgeklärter Skandale.
Die Ergebnisse dieser Politik sind schockierend. Das Land steht am Abgrund - und zwar nicht nur finanziell und strukturell, sondern auch moralisch und kulturell:
1) Griechenland ist bankrott
2) Griechenland hat keinen funktionierenden Staatsapparat (es gibt keine Steuergerechtigkeit, das Gesundheitswesen ist marode, das Bildungswesen gehört zu den weltweit schlechtesten, die Justiz “funktioniert” nicht)
3) Griechenland hat keine Perspektive, so dass tausende junge Griechen ihr Land verlassen, um sich im “Westen” eine neue Zukunft aufzubauen
4) Griechenland wird wegen der Politik der letzten vierzig Jahre zur “Zwangversteigerung” gezwungen, muss also sein gesamtes Eigentum zu einem Bruchteil des Wertes an ausländische Privatpersonen, Konzerne und Investoren verkaufen
5) Griechenland hat seit vielen Jahren keine unabhängige, national selbstbewußte Außen- und Sicherheitspolitik und darum viele ungelöste Probleme mit seiner Nachbarn (Türkei, Albanien, Mazedonien/FYROM) und mit der NATO
6) das internationale Ansehen Griechenlands ist auf dem Tiefpunkt, was sich in einer negativen Presse über die griechischen Verhältnisse und die Griechen im allgemeinen widerspiegelt
Obwohl der hier beschriebene Zustand in den letzten beiden Jahren der Krise für jeden sichtbar zutage trat, übernahm kein einziger griechischer Politiker auch nur ansatzweise eine Mitschuld und eine grundsätzliche Verantwortung für diesen desaströsen Zustand des Landes. Ganz im Gegenteil, die Politiker zelebrierten in den letzten Monaten den Machterhalt als oberstes Prinzip des politischen Lebens und als persönliches Allheilmittel gegen die Krise.
Da Griechenland zum einen – so klein es auch sein mag – „to big to fail“ ist, und zum andern auch keine systemimmanente Destabilisierung zugelassen werden darf, können sich unsere korrupten und absolut unfähigen Politiker auf die Unterstützung ihrer europäischen Kollegen verlassen. Abgesehen von dieser System-erhaltenden Solidarität der europäischen Politiker für ihre griechischen Kollegen, muss jeder vernünftig denkende Mensch zu dem Schluss kommen, dass es mit den bisher herrschenden Machthabern, inklusive den jetzt gewählten Abgeordneten (also auch der gesamten Opposition), keinen Wandel in Griechenland geben kann – sie alle sind Teil des Problems und nicht nur de facto unfähig, es zu lösen, sondern sie sind auch nicht willens dazu. (Wäre ich religiös, würde ich mit dem Satz enden: Gott stehe uns bei!)